Nürnbergs Zauber
Die Kirche St. Sebald
Unsere Rezeptionistin Sara nimmt Sie mit auf einen italienischen Spaziergang durch die Nürnberger Altstadt.

Mit einem Spaziergang auf der Suche nach der verlorenen Zeit und nach den versteckten Verbindungen.

Ich werde oft gefragt, was mich, eine Italienerin, nach Nürnberg gebracht hat. Meine Heimatstadt Padua liegt in der Region Venetien unweit der Stadt Venedig. Dort war ich früher oft zu Besuch und ich liebe diese Stadt.

Mehrere unterschiedliche Sprachen und Dialekte, Kulturen sowie Landschaften folgen auf der 700 km langen Strecke von Venedig nach Nürnberg aufeinander, dennoch haben beide Städte viel mehr Gemeinsamkeiten als man denkt. Es sind oft Details, die heutzutage in Vergessenheit geraten sind oder einfach übersehen werden. Der Zauber einer Reise besteht meiner Meinung nach darin, diese versteckten Verbindungen zu suchen und zu finden. Oft reicht uns ein besonderer Blick, ein unerwartetes Detail oder ein alter Gegenstand, um das Gefühl zu bekommen, plötzlich in eine andere Zeit und an einen anderen Ort versetzt worden zu sein.

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Wenn Sie die Königstraße entlang flanieren, beginnend am Hotel Victoria, tauchen Sie entlang der vielen liebevoll restaurierten Häuser im typischen Nürnberger Stil in die romantische Atmosphäre der Altstadt ein. Gegenüber der Lorenzkirche stoßen Sie jedoch gleich auf das Nassauer Haus, das sich vom Gesamtbild dieses Stadtteils abhebt. Es handelt sich um einen Wohnturm mit gotischen Stilelementen, der ursprünglich im romanischen Stil gebaut wurde. Die Verbreitung dieser Bauweise, die zur Verteidigung diente, wurde durch die ersten Handelsbeziehungen mit Norditalien im 13. Jahrhundert ermöglicht.  

Diese Beziehungen prägten im Laufe der Zeit immer mehr die Entwicklung der Nürnberger Kaufmannschaft. Dank der guten Zusammenarbeit mit venezianischen Häusern gewannen die Kaufleute aus Nürnberg vom 14. bis zum 16. Jahrhundert Zugang zu den mitteleuropäischen Märkten für Gewürze, Seide und Baumwolle. Über Venedig wurden Nürnberger Tand, Tuche, Leder, Honig, Bernstein sowie Metalle und Präzisionsinstrumente gehandelt. Insbesondere Gewürze waren im Mittelalter sehr begehrte und lukrative Importwaren, so berühmt, dass die reichen Nürnberger Kaufleute spöttisch „Pfeffersäcke“ genannt wurden.*

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Kurz vor der Museumsbrücke sehen Sie auf Ihrer linken Seite ein imposantes Gebäude, das heute Cafés und Geschäfte beherbergt. Nur noch ein Relief an der Ecke von Kaiserstraße und Königstraße erinnert an den damaligen Palast (ab ca. 1569) von Bartholomäus Viatis aus Venedig. Sein prächtiger Sitz wurde im zweiten Weltkrieg leider zerstört. Viatis gehörte zu den einflussreichsten Kaufleuten aus Nürnberg, die eigene Lagerräume im sogenannten „Fondaco dei Tedeschi“ (Lagerhaus der Deutschen) in der Lagunenstadt erwerben konnten. Auch das einst schönste Renaissance-Bürgerhaus von Martin Peller, Viatis Handelspartner und Schwiegersohn, wurde leider stark beschädigt. *

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Biegen Sie links ab in die Kaiserstraße und gehen Sie dann gleich rechts auf die Fleischbrücke zu, die 1598 gebaut wurde. Lassen Sie sich hier Zeit und bewundern Sie dieses Meisterwerk der deutschen Ingenieursbaukunst. An der Tafel lesen wir, dass diese im weitesten Sinne von der Rialtobrücke inspiriert wurde. Der Blick jedenfalls ist ebenso bezaubernd! *

Am anderen Ende der Brücke befindet sich das berühmte Portal mit dem steinernen Ochsen und einer kuriosen, lateinischen Inschrift. An dem Ort, wo sich jetzt Starbucks befindet, wurde früher Fleisch verarbeitet. Der Ochse weist auf die wichtige Rolle hin, die Nürnberger Metzger in der damaligen Gesellschaft hatten, und auf die Privilegien, die sie genossen.*

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Von hier kommen Sie direkt auf den traditionsreichen und stets belebten Hauptmarkt. Sie sollten dort nicht den „Schönen Brunnen“ oder das „Männleinlaufen“ auf dem Turm der Frauenkirche (täglich um 12 Uhr) verpassen.

Es lohnt sich auch, kurz vor dem Gebäude der IHK zu verweilen und das schöne Wandbild mit dem mittelalterlichen „Kaufmannszug“ zu betrachten. Genau in diesem Bereich entstand im 16. Jahrhundert die Nürnberger Börse, die bis zum Dreißigjährigen Krieg ein wichtiges Bindeglied im Handel zwischen Italien und anderen europäischen Wirtschaftszentren blieb. Ein bisschen weiter auf der rechten Seite besticht das Alte Rathaus durch seine detailreiche Westfassade im klassisch-italienischen Renaissancestil. 

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Wir befinden uns im vornehmen Stadtteil, dessen Anziehungspunkt die Sebalduskirche ist. Zwischen den wundervollen Kunstschätzen findet hier auch der Mythos um die Reliquien des katholischen Heiligen Sebaldus einen besonderen Platz. Direkt nebenan auf dem aktuellen Sebaldusplatz stand bis 1944 die Moritzkapelle mit dem berühmten „Bratwurstglöcklein“, das Wirtshaus war an der Nordseite der Kapelle angebaut.

An der Ecke von Sebaldusplatz und Burgstraße ziert noch ein altes Symbol die heutige Kugel-Apotheke und öffnet dadurch ein weiteres Zeitfenster. Hier wurde nämlich im 18. Jahrhundert ein vermeintliches Allheilmittel aus Schlangen und Kräutern hergestellt. Das Wundermittel „Theriak“ aus den Zeiten der Antike war vor allem in Pestzeiten sehr beliebt.  *

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Laufen Sie nun die Burgstraße hoch zum Stadtmuseum im Fembo-Haus, Nürnbergs einziges erhaltenes Kaufmannshaus der Spätrenaissance. Hier können Sie die prachtvolle Barockdecke (1674) des italienischen Stuckators Carlo Moretti Brentano bewundern und in der Dauerausstellung „Krone – Macht – Geschichte“ 800 Jahre Stadtgeschichte in kompakter Form erkunden. 

Wer jetzt noch nicht vom Charme dieser Zeitreise bezirzt wurde, lässt sich durch einen Besuch der Kaiserburg mit Sicherheit überzeugen. Die Burganlage ist einen Steinwurf vom Fembo-Haus entfernt, der Aufstieg belohnt einen mit dem atemberaubenden Blick über die Altstadt und mit einer Tour, die weitere spannende Geschichten und Legenden enthüllt. Insbesondere veranschaulicht die original erhaltene Doppelkapelle der Kaiserburg, entstanden um 1200 und wie durch ein Wunder noch intakt, die romanische Baukunst. 

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Von der Burg aus führt Sie die Gasse „Am Ölberg“ über eine schmale Treppe zum Tiergärtnertor, wo wir durch das Ensemble aus Fachwerkhäusern und Sandsteinbauten sowie aus vielen bezaubernden Details, wie die Statue vom Heiligen Georg als Drachentöter am Pilatus-Haus, die steilen Gässchen mit dem Brunnen in der Mitte und die imposante Stadtbefestigung, in die Zeit der Spätgotik zurückgeschickt werden. An diesem magischen Ort wohnte Albrecht Dürer (1471-1528), der durch seine italienisch inspirierten Kunstwerke das humanistische Weltbild in die altdeutsche Kunst einführte. Insbesondere seine Zeit in Venedig hat sein Werk geprägt und somit auch die Kultur nördlich der Alpen beeinflusst.*

Wenn auch die Handelsbeziehungen mit dem Untergang der Serenissima an Bedeutung verloren haben, bleibt die Liebe zur Kunst und Kultur weiterhin aufrechterhalten und lässt die Freundschaft beider Städte heute noch sehr stark spüren. Nach dem Brand des Theaters La Fenice im Jahr 1996 schenkten die Venezianer der Stadt Nürnberg eine prächtige Gondel als Dankeschön für die großzügige Unterstützung beim Wiederaufbau. Diese Gondel befindet sich jetzt im ersten Geschoss des neuen Rathauses. Außerdem genießen die Nürnberger jedes Jahr in der Woche des „Italienischen Marktes“ echtes venezianisches Flair. Mit landtypischer Gastronomie, venezianischen Masken, Muranoglas, Schmuck, Kunst und Mode aus Venetien fühlt man sich auf der Fleischbrücke der Lagunenstadt viel näher! 

Nicht weit von hier, an der Hausfassade am Weinmarkt 10, schmunzelt dann sogar der Markuslöwe mit dem offenen Evangelium wieder vor Freude und fühlt in dieser Zeit vielleicht ein bisschen weniger Heimweh…*

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Nun haben Sie zahlreiche Impressionen von der Beziehung zwischen Nürnberg und Italien bekommen und können den kleinen geschichtlichen Spaziergang noch in einem Café nachklingen lassen, wie zum Beispiel in dem Café „Di Simo . Danach gelangen Sie über die Fleischbrücke wieder Richtung Lorenzkirche und zurück zum Hotel Victoria.

Ich wünsche viel Spaß bei der kleinen italienischen Reise!

* Quelle: Daniela Crescenzio "Italienische Spaziergänge in Nürnberg, Band I: Nürnberg, Venedig des Nordens, April 2011

Impressionen von Unterwegs

Ausblick auf die BurgAusblick auf die Kaiserburg
Blick auf die FleischerbrückeBlick auf die Fleischerbrücke
Nassauer HausBlick auf das Nassauer Haus
Schild des MuseumsSchild des Museums
Schöner Brunnen Schöner Brunnen am Hauptmarkt
Steinerner OchseSteinerner Ochse

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